Klangstille

Der heiligste Laut sei Ohm oder Aum. Dachte ich...
Von Claude Jaermann, Zeitschrift "Spuren", Herbst 2008

Und dann war es plötzlich ganz still. Um mich herum und auch in mir breiteten sich tiefe Ruhe und Stille aus. Einzig in den Ohren vernahm ich das leichte Rauschen meines Blutes, das durch den Körper floss. Den sieben anderen Teilnehmenden dieses Singabends muss es ähnlich ergangen sein. Doch blenden wir zwei Stunden zurück.

Das Klangfeld des Sängers und Astrologen Juri Viktor Stork und der Sängerin und Naked-Voice-Lehrerin Nanina Ghelfi liegt mitten in einer alten Fabrik in Wetzikon im Zürcher Oberland. Ein schlichter, hoher Raum, der mit seiner tollen Akustik geradezu zum Singen einlädt. Heute Abend treffen sich hier sieben Menschen, die zwei Stunden lang ohne Pause den heiligen Laut Ohm oder Aum singen werden.

EINFACH SEIN
Nach einer kurzen Begrüssung erklären Juri und Nanina den Ablauf des Abends. Wir sollen uns frei fühlen im Raum. Wer aufs Klo gehen muss während des Singens, soll einfach gehen. Wer sich dehnen, strecken oder wer aufstehen möchte, darf dies ebenfalls einfach tun. Kein zen-mässiges Aushalten ist angesagt, sondern eine gemeinsame Erfahrung und vor allem ein inneres Wahrnehmen.

Wir sollen zu Beginn den Grundton aufnehmen, den die beiden auf indischen Harmonien während der ganzen 120 Minuten spielen werden. Wenn sich unsere Stimmbänder aufgewärmt haben, können wir den Grundton verlassen und mit der Stimme spielen. Ich schliesse meine Augen und konzentriere mich erst mal auf meinen Atem.

KLINGENDER ATEM
Die Harmonien werden zum Klingen gebracht – ein warmer und gleichzeitig eindringlicher Ton breitet sich im Raum aus. Juri und Nanina beginnen mit dem Singen. O000hm ... O00000hm ... sachte, beinahe zart, nehme ich die Stimmen der beiden wahr. Langsam bringe auch ich meine Stimmbänder in Schwingung und lasse beim Ausatmen ein erstes Ohm aus mir herausfliessen. Ich fühle mich leicht und wohl und mache nicht mehr, als meinem Atem einen Hauch von Klang mit auf seinen Weg in den Raum zu geben. Neben mir ohmt es auch. Ich werde zum Beobachter von mir und dem ganzen Geschehen im Raum. Die Ohms überlagern sich, kommen gleichzeitig aus verschiedenen Kehlen oder dann ist plötzlich auch mal eine kurze Pause hörbar. Ja, Singpausen sind hörbar. Draussen zieht ein Gewitter vorbei und singt seine Melodie. Ich muss gähnen. Juri holt mich mit seinem wunderbaren Obertongesang in den Moment zurück. Da flötet es in feinen Nuancen. Ich muss lächeln und öffne meine Augen. Juri schaut mich im gleichen Augenblick an und unsere Augen und Herzen treffen sich. Ein stilles Verstehen in der Welt des Klangs.

ZEITLOS
«Wie lange noch?», fragt mein Verstand. Es muss etwa Halbzeit sein. Doch Zeit und Raum scheinen sich komplett verschoben zu haben. Aaaauuum. Aaaaauuum. Und dann verstummen die Harmonien und Juri und Naninas Stimmen verebben im Äther. Eine Klangschale scheint uns etwas sagen zu wollen. Also doch eine Pause? Halbzeit und etwas trinken und dann weitersingen? Ich warte noch einen Moment und öffne dann die Augen. Die Uhr zeigt, dass zwei Stunden vergangen sind. Unmöglich! Doch die Ruhe, die sich in mir ausbreitet, ist himmlisch schön und erdig stark. Chronos wird nebensächlich. Nach einer Weile stehen die Ersten auf. Um mich herum nehme ich schlurfende Schritte wahr und das Geräusch von Wolldecken, die zusammengelegt werden. Erstaunlich! Aus dieser inneren Stille heraus wird das Zusammenlegen von Wolldecken hörbar. Erste Worte fallen. Alles scheint so nah und auch laut. Nicht zu laut. Einfach so, als ob das Spektrum meines Hörsinns sich erweitert hätte. Alles ist Klang. Die Umarmung beim Abschied ebenso wie die Geräusche, die mich vor dem Klangfeld-Raum empfangen. Zirpende Grillen, ein feiner Wind, die ferne Strasse.

Ich schwebe auf einem Klangteppich in die Nacht hinaus, und ich frage mich, ob es überhaupt unheilige Laute gibt. Und ob die Wirkung die gleiche gewesen wäre, wenn ich anstelle von Aum einfach Baum gesungen hätte. Muss ich unbedingt mal ausprobieren!

Spuren, Herbst 2008